Etwas ganz, ganz Besonderes

Text und Fotos von Karl Martin Flüter

Rainer Schallenberg wollte schon immer einen Jazzclub leiten. 2019 erfüllt sich dieser Wunsch. Seitdem managt Rainer Schallenberg den Jazzclub mit großem Erfolg. Das liegt auch an seiner Kompetenz. Schließlich ist er selbst Rock-, Blues- und Jazzorganist. Er weiß, was Musiker brauchen.

Shuteen Erdenebaatar kommt am 6. Juni mit ihrem Quartett nach Paderborn. Das ist etwas Besonderes, denn die Band der Pianistin hat Mitte April den Deutschen Jazzpreis gewonnen. Dass dieser Shooting Star der deutschen Jazzszene in der Musikprovinz Paderborn zu hören ist, ist dem Bauchgefühl von Rainer Schallenberg zu verdanken.

Der hörte vor einem Dreivierteljahr zum ersten Mal ihre Musik und war begeistert. „Das war super, einfach super, das wusste ich schon nach den ersten Takten“, erinnert er sich. Schallenberg, Vorsitzender des Jazzclubs Paderborn, buchte Shuteen Erdenebaatar. Jetzt kommt die beste Jazzband 2024 nach Paderborn – und nicht nach Dortmund, Münster oder Bielefeld, Städte in die Paderborner Musikfans bislang pilgerten, wenn sie außergewöhnlichen Jazzer hören wollten.
Rainer Schallenberg ist Musiker, Organist auf der Hammondorgel, „Halb-Profi-Niveau“, wie er sagt. Er kommt aus einer Paderborner Musiker- und Musikhändler-Familie. Seit 1983 leitete er mit seinem Bruder den „Profishop Musik Aktiv“ , der in diesem Frühjahr schloss, weil vor allem das Internet dem Geschäft das Leben schwer machte.

Sei´s drum. Rainer hat sowieso seit fast viereinhalb Jahren einen anderen Job, der ihn auf Trab hält. Eigentlich keinen Job, sondern eine ehrenamtliche Aufgabe, die ihn aber täglich mehrere Stunden fordert. Ende 2019 wählten in die Mitglieder zum neuen Vorsitzender des Jazzclubs Paderborn, nachdem sein Vorgänger Michael Werner nach vierzig Jahren wegen einer Erkrankung aufgeben musste.

Neue Besuchergruppen
Seitdem verzeichnet der Jazzclub einen stürmischen Wandel und großen Erfolg beim Publikum. Die Mitgliederzahl hat sich auf 240 verdoppelt, das Programm hat sich gewandelt - mehr Modern Jazz und Fusion, aber auch jazzige Kammerkonzerte wie mit dem New Yorker Aaron Copland. Neue Besuchergruppen, vor allem junge, kommen zu den Konzerten. „Früher hatten wir einen Altersdurchschnitt von über 60.“
Die Musiker, die an einem Freitag Ende April auf der Bühne im Deelenhaus stehen, sind nicht älter als Mitte 20: das Jakob Manz Project mit der Besetzung Altsaxophon, Keyboards, Bass und Drums. Am Abend werden sie einen energiegeladenen Auftritt hinlegen, der das Publikum im Deelenhaus „rockt“. Die jungen Jazzmusiker Musiker verleugnen nicht die Musik, mit der sie aufgewachsen sind. Wer will, kann verspielte Anklänge an Rock und Housemusic hören. Die Basis aber bleibt der Jazz, aus dessen reicher Stilgeschichte die Band zitiert.
Der Soundcheck steht an. Die Musiker spielen sich ein, Deelenhaus-Manager Uli Lettermann geht mit einem Tablet durch das Deelenhaus, hört und korrigiert den Klang je nach Standort. Die Gäste im Deelenhaus sitzen unten vor der Bühne und oben auf einer Galerie – keine leichte Aufgabe, den Sound anzupassen. Dennoch wird das Quartett am Abend überall gleich gut zu hören sein. Das liegt auch daran, dass Uli Lettermann selbst Musiker ist, das Quintessence Saxophone Quintet leitet und als Dozent an der Uni Paderborn arbeitet. Er weiß, wie es klingen muss. Das ist typisch für den Jazzclub. Die Entscheidungen treffen Musiker, die wissen, was sie tun.

Musiker für Musiker
Die Musiker spielen derweil ein paar Stücke an und vergnügen sich dabei, sich auf dem großen Bildschirm über die Bühne zu beobachten. Nach dem Soundcheck beratschlagen sie mit Rainer Schallenberg, wo sie essen wollen. „Zum Türken lieber nicht“, sagt Bandleader Jakob Manz, „wir waren in den letzten Tagen ständig türkisch essen.“ Die Band ist unterwegs, jeden Tag eine andere Stadt, ein anderer Club. Rainer Schallenberg schnappt sich sein Handy und schaut nach Alternativen. Am Ende wird es der Inder in der Nähe. Die Musiker müssen sich wohlfühlen, ist Rainer Schallenbergs Überzeugung – er weiß, was Musiker sich wünschen, schließlich ist er selbst einer. Seine musikalische Herkunft erleichtert im Jazzclub vieles. Wenn ein besonderer Verstärker notwendig, kennt Rainer Schallenberg jemanden, der dieses Gerät zu Hause stehen hat. Selbst für den vergessenen Bogen für einen Kontrabass hat er schon Ersatz gefunden.
Das Deelenhaus ist ein heimeliges Zuhause. Bis zu 120 Zuhörer sitzen in der „Deele“. Die Musiker sind nur einige Meter weit von Publikum entfernt. Der gute Klang liegt auch am kleinteiligen Niederntudorfer Pflaster, das im Deelenhaus wie früher in vielen Bauernhäusern verlegt ist. „Die Fugen und die kleinen, unebenen Steinflächen brechen den Klang vielfach“, sagt Rainer Schallenberg. Die verbauten Materialien wie Holz und Lehmfachwerk tun ein Übriges, damit ein raumfüllender, trockener Sound ohne Nachhall entsteht.
Auf der Bühne steht ein Flügel. Das ist wichtig. In der Kulturwerkstatt, jahrzehntelang Zuhause des Jazzclubs, mussten hervorragende Pianisten auf einem schlichten Klavier musizieren. Rainer Schallenberg hat das immer schon geärgert. Erst seit der Flügel auf der Bühne steht, sind Auftritte wie von Shuteen Erdenebaatar oder dem New Yorker Pianisten und Komponisten Marc Copland möglich, der im Februar im Deelenhaus war. Zur Ausstattung gehört eine hervorragende Lichtanlage, die ein Sponsor in das Deelenhaus hat hängen lassen, und zwei Bildschirme, die das Geschehen auf der Bühne zeitgleich übertragen. Klar, dass Rainer Schallenberg begeistert ist: „Als ich zum ersten Mal im Deelenhaus war, war klar, dass wir hier nicht mehr weggehen.“

In der Musikzene etabliert
Es war ein Quartett, dass 2019 das Erbe von Michael Werner antrat. Mit dem Vorsitzenden Rainer Schallenberg, seinem Stellvertreter, dem Pianisten Benny Düring, und dem Schriftführer und Pianisten Volker Kukulenz hatten gleich drei bekannte einheimische Musiker das Ruder übernommen. Vierter im Bunde war Martin Kluckhorn, der sich als Kassierer um die Finanzen und die rechtlichen Fragen kümmerte – die ordnende Hand im Hintergrund.
„Ohne Martin wäre der Jazzclub heute kein eingetragener Verein“, sagt Rainer Schallenberg. Dieser vierköpfige Vorstand hatte den Neustart und Corona überstanden, als Martin Kluckhohn 2023 überraschend starb. Auch Volker Kukulenz, der Pianist und Schriftführer, muss aus privaten Gründen kürzertreten.
Das alles hätte sich zu einer kleinen Krise auswachsen können, aber der Verein ist mittlerweile zu tief in der Paderborn Musikszene etabliert. Irgendwer kennt irgendwen und so fanden sich schnell zwei Frauen, die sich auf der Mitgliederversammlung im Sommer als Nachfolgerinnen zur Wahl stellen.
Ihre Namen stehen schon im Handy von Rainer Schallenberg. Das Mobiltelefon ist das wichtigste Arbeitsinstrument des Vorsitzenden. Rainer Schallenberg scrollt auf dem seinem Handy durch den E-Mail-Ordner, um zu zeigen, wie beliebt der Jazzclub bei Agenturen und Musikern ist. Er wischt und wischt. „700 Mails seit Februar“, sagt er, „und 200 habe ich schon gelöscht.“
Diese enorme Anfrage hat zwei Gründe. Musiker, vor allem Jazzmusiker, sind auf Auftritte angewiesen. CDs, LPs und das Streaming über Anbieter wie Spotify bringen kaum Geld Außerdem: Der Paderborner Jazzclub bietet eine gute Location, gute Gastgeber, ein tolles Publikum. Dafür sind die Bands dankbar.

Musiker bedanken sich
Am Ende eines energiegeladenen begeisternden Konzerts hält Jakob Manz eine kleine Rede. Er dankt den Veranstaltern. „Ohne Menschen wie euch, die das alles ehrenamtlich machen, könnten wir hier nicht auftreten‘“, sagt der Saxophonist, der schon zum zweiten Mal in Paderborn auftritt. Der Trompeter Joo Kraus ging bei seinem Gig im Deelenhaus so weit, den ostwestfälischen Jazzclub mit dem bekannten Berliner Club A-Trane zu vergleichen: „Das ist hier wie im A-Trane, nur dass es bei euch besser ist.“
Als wollte er die Bands motivieren ist Rainer Schallenberg immer bester Stimmung, wenn er die Band des Abends ankündigt. Die Reden sind ein Erlebnis. Der Conférencier Rainer Schallenberg ist ein Meister der äußerst wertschätzenden Kurzvorstellung – und ein Mann der Superlative, der die Gruppe des Abends als das musikalische Ultimum ankündigt und im nächsten Satz die Künstler des kommenden Konzerts mit ähnlicher Begeisterung zum Nonplusultra erklärt. Das ist auch heute Abend so. „Wir haben euch in unser Herz geschlossen“, sagt er an die Adresse des Jakob Manz Projects.
Rainer Schallenberg darf alles sagen, weil alle ihn gerne haben, wie er herumwuselt, ein wenig nervös ist und die Künstler bemuttert. Außerdem scheint selbst beim größten Kompliment durch, dass Rainer Schallenberg weiß, worüber er spricht: ein Jazz-Nerd, der sich fühlt wie ein einfacher Fan und auch so redet. Seine kurzen Geschichten haben das Zeug dazu, Kult zu werden.
Kult wie auch der Jazzclub schon bald sein könnte. Wenn Musikern etwas gefällt, spricht sich das in der Szene schnell herum. Der Jazz-Standort Paderborn, lange Zeit kaum bekannt, erwirbt sich gerade ein ausgezeichnetes Standing. Paderborner, die den Jazz lieben, müssen nicht mehr weit fahren fahren. Jetzt können sie zu Hause bleiben, denn nach Paderborn kommen die angesagten Gruppen, siehe das Quartett von Shuteen Erdenebaatar. Diesen Erfolg scheint selbst der Clubvorstand nicht in diesem Ausmaß erwartet zu haben. „Paderborn ist eigentlich zu klein für eine echte Jazzszene“, gesteht Rainer Schallenberg.

Stars aus der Nähe
Dass trotzdem alle 14 Tage das Haus voll ist, erklärt er auch mit dem Drumherum. Live ist Musik immer anders. Da ertragen Menschen, die mit dem Jazz fremdeln, Saxophonisten wie Jakob Manz, der manchmal in rasende Läufe auf dem Saxophon ausbricht, bei denen sich selbst die anderen Musiker bedeutungsvolle Blick zuwerfen. Aber das überträgt sich live als pure Power und Charisma und kommt stärker rüber als so mancher Popstar, der für viel Geld in riesigen Hallen auftritt.
Stars kann man auch im Jazzclub erleben, sogar aus der Nähe oder an der Theke, wo sie Widmungen auf ihre CD schreiben. Shuteen Erdenebaatar ist so ein Star. Rainer Schallenberg hat beim letzten Konzert eine Warnung verkündet. Wer ein Ticket für das „wirklich, wirklich außergewöhnliche“ Quartett von Erdenebaatar erwerben wolle, müsse sich beeilen, sagt der Jazzclub-Vorsitzende in gewohntem Überschwang: „So eine Band habt ihr schon lange nicht mehr gesehen. Ich kann euch versichern, etwas ganz Besonderes.“ Das Schöne daran ist, dass solche Superlative im Paderborner Jazzclub fast immer wahr werden.