Helge Lien Trio

RückBlick und Fotos von Walter Brinkmann

Skandinavien hat die Paderborner Jazzszene fest im Griff – und wie!

Bei zwei Konzerten füllte sich der Club mit dieser unverwechselbaren Mischung aus nordischer Klarheit und emotionaler Tiefe.

Im Mittelpunkt diesmal: Helge Lien, dessen Klavierspiel wie eine Erzählung wirkt – mal zart flüsternd, mal kraftvoll eruptiv. Jede Note scheint bewusst gesetzt, jeder Akkord trägt Bedeutung. An seiner Seite eine Rhythmusgruppe, die nicht begleitet, sondern atmet, gestaltet, antwortet. Johannes Eick am Bass und Knut Aalefjær am Schlagzeug bilden ein Fundament, das so elastisch wie präzise ist – ein Puls, der trägt und treibt zugleich.
Das Trio erschafft eine Welt aus formvollendeter Melodik und feiner Improvisation – stets zugänglich, aber niemals glatt. Klangfarben wie aus Traumlandschaften, harmonisch komplex, doch berührend menschlich. Wenn Lien seine melancholischen Pianopassagen spielt, baladenhaft, fast scheu, dann fühlt man die stille Schönheit skandinavischer Weite – jene Mischung aus Melancholie und Licht, die in seiner Musik leuchtet.
In einem Interview mit der Jazzzeitung erklärt Helge Lien:
„Die Qualität des Zusammenspiels, wenn man länger mit den gleichen Musikern arbeitet, die Einigkeit über die Zielrichtung – das ist einzigartig. Ich versuche stets, entgegen einer möglichen Langeweile und Vorhersagbarkeit im Ausdruck zu arbeiten.“

Und genau das spürt man.
Jedes Stück ist frisch, neugierig, lebendig – immer eine kleine Entdeckung.
„Troozee“ entfacht mit gestrichenem Bass eine vorantreibende Energie, rhythmisch dicht, intensiv, fast tranceartig.
„Gamut Warning“ hingegen beginnt percussiv, der Bass führt mit federnder Kraft, die Drums antworten verspielt – und über allem schwebt das Klavier, hell, klar, vibrierend.

Als Zugabe schließlich „It is What it is but it is“ – ein leises Meisterstück. Jeder Musiker bekommt seinen Moment, jeder Ton erzählt von Hingabe. Und als der letzte Klang verhallt, bleibt dieses Gänsehautgefühl, das man nur selten erlebt: die stille Gewissheit, etwas Besonderes gehört zu haben.
LINEUP:
Helge Lien – Piano
Johannes Eick – Bass
Knut Aalefjær – Drums

DIE ANKÜNDIGUNG:

Improvisation im Quadrat

„Revisited“ von Helge Lien ist ein faszinierendes Beispiel für die Kunst der Improvisation im Jazz. Die neun Klassiker auf diesem Album wurden in einer Zeit des Umbruchs aufgenommen, als Lien nach dem Weggang seiner langjährigen Kollegen Frode Berg und Per Oddvar Johansen seine Band während der Pandemie neu formieren musste. Dieser Prozess der Neugestaltung wurde zu einer besonderen Herausforderung, die die Musik auf ein neues Level hebt.

Das Album kombiniert Studio- und Live-Aufnahmen zu einem kohärenten Werk von etwa fünfzig Minuten. Die Musiker, die sich für intime Sessions in der Toyen Kirche in Oslo zurückzogen, schaffen einen spannenden Dialog zwischen der neuen und der alten Besetzung. Der einzige echte Neuzugang, Bassist Johannes Eick, ergänzt sich hervorragend mit Knut Aalefjær, der schon in der ursprünglichen Triobesetzung war.

Besonders bemerkenswert sind die Interpretationen von Stücken wie „Gamut Warning“ und „Jasmine“. Lien kombiniert fließende Klavierläufe mit groovigen Beats, was die Dynamik der Kompositionen deutlich erweitert und neue Facetten hervorbringt. Sein aktueller Ansatz zur Improvisation konzentriert sich auf einen atmosphärischen, präzise abgestimmten Gruppenklang, aus dem seine brillanten Pianokaskaden entstehen.

Lien weiß, dass Improvisation oft am Rande des Scheiterns stattfindet, und genau das ist es, was seine Musik so lebendig und spannend macht. „Revisited“ ist nicht nur ein Rückblick auf vergangene Werke, sondern auch ein kraftvoller Aufbruch in eine neue musikalische Zukunft.

LINEUP:

Helge Lien, piano
Johannes Eick, bass
Knut Aalefjær, drums